silentbass ist eine äusserst spannende Postrock-Band aus St.Gallen. Mit dem Bass als Hauptinstrument und ganz ohne Gesang, erschafft die Band unglaublich weite Soundlandschaften. Mal filigran, mal brachial. Lorenz Niederere ist der Schöpfer dieser Idee. Ich traf ihn in seinem Proberaum beim Bahnhof Winkeln, um über seine Musik und das aktuelle Album Circle zu sprechen.

Fishs Plattenkiste
Lorenz Niederer ist der kreative Kopf hinter silentbass

Auf deiner Website wird silentbass als «etwas wie Postrock» beschrieben. Ist das Zurückhaltung oder hältst du dich einfach lieber von Genre-Schubladen fern?
Zurückhaltung ist es nicht, ich möchte aber offen lassen wo die Reise hingeht. Meine Musik soll experimentell bleiben und ich will nicht nur eine Schiene fahren. Die früheren silentbass-Songs waren sicher noch elektronischer und orientierten sich viel eher an einer Songstruktur. Heute geht es mir viel mehr um die Sounds und den Klang. Aber ja, das neue Album Circle kann man sicher dem Postrock zuordnen.

Die Idee, den Bass als Hauptinstrument zu inszenieren, ist sehr spannend. Wie und wann entstand die Idee?
Ich habe damals in der Musikschule mit dem Bassspielen begonnen und hatte auch Unterricht bei Dani Ziegler. Dani kennt man als begnadeten Solobassisten und seine Art zu spielen hat mich geprägt. Später begann ich dann den Bass über einen Looper zu spielen und damit eröffneten sich mir komplett neue Möglichkeiten. Durch das Üben und den Einsatz von mehr und mehr Effektgeräten, hat sich mein Sound immer weiter entwickelt.

Spielst du noch andere Instrumente?
Nicht direkt ein Instrument, aber ich programmiere auch die Beats mit dem Drumcomputer. Momentan versuche ich mich auch oft am Synthesizer – immer learning by doing – das macht sehr viel Spass. Ich bin ständig dabei neue Sounds zu erschaffen, deshalb kann man meine Effektgeräte eigentlich auch als Instrumente bezeichnen. Bei den Studioaufnahmen, im Proberaum und live unterstützt mich Alessandro Cappilli am Schlagzeug.

Nach Missing Words, Light from a Black Star und Sound of Violence, trägt dein viertes Album den Titel Circle. Du beschreibst das Thema der Platte als: «Die Welt dreht sich im Kreis, die Menschheit auch». Wie ist das zu verstehen?
Bei Musik ohne Gesang, ist es teilweise schwierig einem Song oder einem Album einen definitiven Titel zu geben, da man schlicht nichts aus einem Text ableiten kann. Der Titel Circle ist jedoch sehr offen für jegliche Interpretationen. Der Kreis beschreibt auch meine Musik und die Loops, mit denen ich arbeite, sehr gut – es gibt kein Ende. Die Songs auf der Platte sind ebenfalls so arrangiert, dass sie ohne Unterbruch, komplett ineinander fliessen. Man kann den Titel sicher auch philosophischer auslegen – die Menschheit scheint aus Ihren Fehlern nicht immer zu lernen und so drehen wir uns mit den immer gleichen Themen im Kreis.

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Das Plattencover zu Circle. Der Kreis als nie endendes Element.

Der erste Song Sun Queen beginnt mit einem gesprochenen Intro. Wer ist der Sprecher und woher stammt der Text?
Der Text stammt von Humboldt, einem deutschen Naturforscher, der sich viel mit dem Weltall beschäftigt hat. Auch hier wieder eine Referenz zu etwas kreisförmigem – den Planeten. Nachdem wir lange nach einer geeigneten Textpassage gesucht haben, ging es noch um die entsprechende Stimme. Hans Gysi heisst der Sprecher – er ist Schauspieler und brachte somit die nötige Erfahrung mit. Wir haben ihm den Text geschickt und er hat ihn direkt auf ein Tonband aufgenommen. Die Charakteristik seiner Stimme bringt den Text perfekt zur Geltung, wir waren sofort begeistert!

Rein instrumentale Musik erschliesst sich sicher nicht allen Leuten. Was macht für dich den Reiz an Musik ohne Gesang aus?
Der grösste Reiz für mich, ist die Herangehensweise an die Songs. Es geht nicht darum verschiedene Parts wie Strophe und Refrain in einem Song unterzubringen. Sondern komplett in die Sounds einzutauchen und sich darin zu verlieren – im positiven Sinn. Es ist also eher ein tüfteln und das Ergebnis ist schlussendlich meist gar nicht mehr wirklich dienlich für einen richtigen Gesang. Ben Stokvis hat auf dem Song Ghost eine Art Chor eingesungen. Man erkennt die Stimme aber nicht mehr als solche, sie klingt eher wie ein Instrument. Trotzdem könnte ich mir durchaus vorstellen mal etwas mit einem Sänger zu machen.

Deine Songs tragen Namen wie Sun Queen, Forest, Ghost oder Morgenland – übrigens mein Lieblings-Song auf der neuen Platte. Welche Geschichten erzählen sie?
Ich habe keine fixe Story im Kopf beim Tüfteln. Da ich ja keine Texte zu den Songs schreibe, gibt es auch keine Geschichten die auf der Realität beruhen. Ich finde es toll, wenn sich die Leute beim hören ihre eigenen Geschichten erschaffen. Jeder Song bekommt aber einen Arbeitstitel, der mich dann während der Entstehung begleitet. Morgenland hat diesen leicht orientalischen Einschlag, daher kommt auch der Titel.

Während der Plattentaufe zu Circle im Palace gab es verschiedene Kunst-Performances. Was hatte es damit auf sich und wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Wir wollten für die Taufe natürlich etwas spezielles machen und das Publikum damit abholen. Konzerte zu spielen ist für uns sehr kopflastig, da wir dabei sehr konzentriert sind. Ich stellen ständig die Effektgeräte neu ein, darf den Looper nicht aus dem Auge lassen und Alessandro muss das Ganze mit dem Drum zusammenhalten. Das verunmöglicht es uns leider eine grössere Show zu machen. Und daher kam die Idee einige Künstler auf die Bühne zu holen. Da war Hans Gysi, der Sprecher des Humboldt-Textes. Nightmare Vani, eine Burlesque-Tänzerin, die einen unserer lauteren Songs ganz offen interpretierte. Und Corinne Sutter, die wir schon länger kennen. Sie malte mit Neonfarben das Konterfei von Einstein. Das hatte eine unglaubliche Wirkung. Wir haben das Ganze nie geprobt, bloss den Ablauf besprochen. Roger, der auch die Visuals für uns macht, hat während dem Konzert dann die Regie geführt und die Künstler zur richtigen Zeit auf die Bühne gelotst. Solche Aktionen sind aber auch immer ein schmaler Grat. Die Performances sollen schlussendlich nicht zu stark von der Musik ablenken.

Im März 2018 habt ihr zwei Shows in Tel Aviv und Jerusalem gespielt. Wie kam es zu diesen Auftritten?
Wir arbeiten seit einer Weile mit dem Musikverlag Interstellar zusammen, der auch die Band Phototaxis aus Israel betreut. Durch diese Verbindung haben wir die Musiker kennengelernt und wurden dann an ihre Plattentaufe eingeladen. Phototaxis sind in Israel eine grosse Nummer und so konnten wir in Tel Aviv im grössten Club der Stadt auftreten! Tel Aviv war grossartig, da gibt es viele tolle Clubs, kleine Künstlerläden und die Lebensqualität ist sehr hoch. In Jerusalem haben wir zusätzlich am Abend zuvor als Hauptband in einem kleineren Rockclub gespielt.
Das Reisen war zwar sehr beschwerlich und die Einreisebedingungen nach Israel sind äusserst schwierig. Alessandro und ich brachten etliche elektronische Geräte mit, was sogar zu einer Umbuchung des Fluges geführt hat. Schlussendlich war es aber ein grossartiges Erlebnis und wir kamen wieder heil nach Hause.

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silentbass auf Tour in Tel Aviv und Jerusalem

Welches sind deine musikalischen Einflüsse?
Heute bin ich da sehr offen und beschränke mich nicht auf ein Genre. Die Massage der Musik ist mir viel wichtiger. Sobald mich ein Song anspricht und er mich berührt, bin ich dabei. Ob das ein Metal-, ein Hip-Hop-, oder gar ein Pop-Tune ist, hat für mich dann keine Bedeutung mehr. Meine frühen Einflüsse waren aber sicher Progrock-Bands wie Oceansize und Porcupine Tree. Heute kommt auch mal ein Song von Trentemöller durch die Boxen.

Und wie hörst du selbst Musik? Streaming oder CD/LP?
Beides. Zuhause spiele ich gerne LPs ab und für unterwegs oder im Auto habe ich meine Musik digital dabei. Nur Streamingdienste habe ich bis heute noch nicht getestet.


silentbass – Postrock
Lorenz Niederer: Bass, Loops, Effekte
Alessandro Cappilli: Drums, Synthesizer
Alben: Missing Words (2008), Light of a Black Star (2013), Sound of Violence (2015), Circle (2018)
www.silentbass.ch

 

Geschrieben von Fish's Plattenkiste

Fundstücke aus der Ostschweizer Rock-Szene