Früher war alles besser? Bestimmt nicht. Aber einiges war vielleicht etwas aufregender – ganz einfach weil es nicht so einfach verfügbar war. Heute legt uns das Internet alles ganz bequem vor die Füsse. Dabei bleibt aber etwas auf der Strecke. Ein Gefühl. Viele erinnern sich an ihre erste Platte, aber niemand an sein erstes mp3 File. Man liest und hört viel, über den Einbruch der CD-Verkaufszahlen, den neuen Vinyl-Hype und von Streamingdiensten, die die Künstler nicht angemessen entlöhnen. Ich wollte es genauer wissen und traf mich mit Alex und Esther, den Inhabern des BRO Records, in ihrem Laden an der Rorschacherstrasse. Ein Gespräch über den Laden, Musik und Tonträger – von gestern bis heute.

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Seit 2009 befindet sich der BRO Records an der Rorschacherstrasse 128

Alex, du betreibst den BRO nun seit 1973. Also schon 45 Jahre lang. Herzliche Gratulation dazu. Bist du zufrieden wie der Laden heute läuft?
Ganz zufrieden ist man nie. Ich denke unsere Kunden sind aber zufrieden, und das ist die Hauptsache! Es ist ein stetes Auf und Ab und die Tage sind sehr verschieden. Es kommt vor, dass der Laden an einem Donnerstagmorgen voll ist und dann gibt es halt auch die Tage, an denen weniger los ist. Damit müssen wir uns arrangieren. Wir haben aber immer noch einen guten Mix aus Stammkunden und Leuten die zum ersten Mal vorbeischauen.
Es gibt ja auch immer Dinge zu tun, die sich im Hintergrund abspielen. Wir verkaufen per Telefon, per Mail und sogar per Briefbestellung und auf Wunsch versenden wir die Tonträger auch weltweit. Langweilig wird es uns also nie!

Was war damals die Motivation einen eigenen Plattenladen zu eröffnen?
Das war eher ein Zufall! Ich verbrachte einen Sommer in Griechenland wo ich als DJ auflegte. Danach, zurück in St.Gallen, arbeitete ich im Theater als Bühnenbauer. Eines Abends auf dem Nachhauseweg, erzählte mir jemand, dass in der Gallusstrasse ein Plattenladen eröffnet und ein Verkäufer gesucht wird. Musikverrückt wie ich war, liess ich alles stehen und liegen und heuerte beim St.Galler BRO an.
Der BRO (British Records Organisation) wurde circa 1971 von einem Deutschen und zwei Zürchern als reiner Schallplatten-Mailorder in einer Wohnung in Zürich gegründet. Die Idee war, gute Musik zu günstigen Preisen zu verkaufen. England ist das Ursprungsland der ganzen Beat- und Rockmusik. Da lag es auf der Hand, die Schallplatten von dort zu importieren. Sie waren wesentlich billiger und die Auswahl unermesslich. Auch hinsichtlich Qualität der grafischen Ausführung und der Pressungen, waren die Schallplatten aus Grossbritannien die Besten auf dem Markt. Da der Versand immer besser lief und viele Leute aus der Ostschweiz bestellten, entschloss man sich in St.Gallen den ersten Laden zu eröffnen.
Von 1973 – 1976 befand er sich an der Gallusstrasse und danach bis 1990 in der Kattharinengasse. Das waren die verrücktesten BRO-Zeiten und wir waren immer der wildeste Plattenladen in der Stadt und des angrenzenden Vorarlbergs.
Wichtig war auch immer, dass wir neue, noch unbekannte Bands ins Sortiment brachten. Wir haben diese Bands geliebt. Mit dem Verkauf der grossen Namen – Rolling Stones, Genesis oder Fleetwood Mac, konnten wir die kleineren, wie z.B. The Damned pushen.

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Tonträger soweit das Auge reicht

Was bietet ein Plattenladen auch heute noch, was ein Online-Händler nicht kann?
Das ist sicher der persönliche Kontakt. Es ist doch etwas Wert, wenn wir uns austauschen und Empfehlungen abgeben können. Nicht alle mögen es, online einzukaufen und wir versuchen immer zu helfen und stöbern nötigenfalls auch längst vergriffene Titel und Raritäten auf – weltweit!
Sehr wichtig ist auch der Verkauf von Occasions-CDs und LPs. Da achten wir peinlich genau darauf, dass die Platten sauber präsentiert werden. So findet man immer wieder rare Titel zu Schnäppchenpreisen.

Welches waren die einschneidensten Veränderungen für das Geschäft?
Es gab über die Jahre natürlich immer wieder grosse Veränderungen. Das Aufkommen der CD in den 80ern. Heute die Onlineshops, Downloads und Streamingdienste. Wir haben immer versucht, uns den Gegebenheiten anzupassen. Haben unser Sortiment entsprechend angepasst, oder die Lokalität gewechselt wenn es nötig wurde oder der Platz fehlte. Es hat uns nie gereizt in den Onlinehandel einzusteigen, wir wollten einen Laden pflegen, so wie er heute immer noch ist.
Der BRO gehörte anfangs ja zu einer Kette, die schweizweit aus sieben Filialen bestand. Wir konnten den St.Galler Shop dann 1987 übernehmen und als unabhängiges Fachgeschäft ausbauen. Wir arbeiteten eng zusammen mit den vielen Vertrieben, die in der Schweiz und Europa entstanden, ohne auf die Importe zu verzichten.
Lange Zeit haben wir auch mit dem Ticketverkauf gut verdient. Der ist heute praktisch ganz weggebrochen. Wir mussten also immer flexibel handeln. Als die Miete damals in der Neugasse immer unerträglicher wurde, haben wir uns entschieden, hier, etwas ausserhalb der Stadt, in diesem schönen Ladenlokal weiterzumachen. Wir bereuen den Entscheid heute überhaupt nicht.

Hat sich der Stellenwert der Musik bei den Leuten verändert?
Ich glaube nicht. Die Leute lieben Musik noch immer. Es gibt aber verschiedene Hörgewohnheiten. Den einen geht es um den Inhalt – also die Musik – egal ob auf einer CD oder LP. Dann gibt es auch die Sammler, die alles von ihrer Band haben müssen. Da geht es dann um Themen wie Erstpressungen und Katalognummern. Das Wiederaufleben der Schallplatten sehe ich etwas kritisch. Seit die grossen Labels gecheckt haben das damit wieder vermehrt Geld zu verdienen ist, steigen auch die Preise für neue Platten erheblich. Das macht es dann für die unabhängigen Indie-Labels wieder schwieriger.

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Metal, Blues, Indie, Ambient, Punk… es ist für jeden Geschmack etwas dabei

Wie entscheidest du was du ins Sortiment aufnimmst?
Das wird immer schwieriger und ist heute eine Herausforderung. Vor Jahren haben wir von einem neuen Album einer grossen Band 10 Stück oder mehr reingenommen. Heute sind es manchmal nur noch ein oder zwei Exemplare. Unser persönlicher Geschmack spiegelt sich natürlich teilweise auch im Sortiment wieder. Wir waren aber immer darauf aus das zu beschaffen, was unsere Unterstützer, die liebe Kundschaft, auch vorfinden wollte im BRO.

Die Fans welches Genres kaufen heute noch am meisten Tonträger?
Rückläufig ist sicher die ganze Indie-Sparte, ausser bei den Vinyls. Das sind die Leute und die Altersgruppe, die heute Musik vermehrt streamt. Ein Metal- oder Blues-Fan ist da sicher noch erdiger und kauft auch heute noch die neuen Platten seiner Lieblingsbands physisch. Ganz grundsätzlich fehlt aber der Nachwuchs – die heutigen Kids haben andere Interessen als AC/DC, Iron Maiden und Rockmusik im Allgemeinen.

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Die riesige Auswahl lädt zum Stöbern ein

Hat ein Plattenladenbesitzer eine Lieblingsband?
Ja, die Pink Fairies. Eine englische Rock-Band, die in den frühen 70ern schon den Grundstein für den späteren Punk gelegt hat. Der Gitarrist Larry Wallis war auch bei den ganz frühen Motörhead dabei. Eine grossartige Band!


Die Stationen des BRO St.Gallen: 1973-1976 Gallusstrasse, 1976-1990 Kattharinengasse, 1990-1996 Rorschacherstrasse, 1996-2009 Neugasse, 2009-heute Rorschacherstrasse


BRO Records AG, Rorschacherstrasse 128, 9006 St.Gallen
Neue CDs, LPs, DVDs und Tickets aus aller Welt.
Recherierservice: Wir suchen alles, auch vergriffene Titel!
Ankauf und Verkauf von Occasions CD’s und Schallplatten.
Öffnungszeiten: MI/DO/FR: 10-18h, SA: 9-16h
Die aktuellsten Neuzugänge werden hier gelistet: www.brorecords.com/news
www.brorecords.com

Geschrieben von Fish's Plattenkiste

Fundstücke aus der Ostschweizer Rock-Szene